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Selbstbewusstsein – Erfahrungsbericht

Selbstbewusstsein – Ein Erfahrungsbericht

Ich war immer ein stilles Kind. Ich hasste schon früh Krach und laute Geräusche. Auch Menschenansammlungen fand ich nie besonders prickelnd. Sobald ich lesen konnte saß ich oft stundenlang mit einem guten Buch auf dem Sofa oder im Garten. Im Garten oder generell in der Natur war ich auch sehr gerne und oft. Ich fand es herrlich draußen rum zu stromern und die Wunder der Natur zu entdecken. Schnell meinten meine Eltern, Großeltern und Lehrer, ich müsse mehr aus mir herauskommen. Ich müsse selbstbewusster werden. Nicht so still sein. Mich was trauen.

Und so bekam ich im zarten Alter von sechs Jahren den Stempel „nicht selbstbewusst“. Ich wusste, nicht selbstbewusst zu sein war nichts Gutes. Ein schlechtes Selbstbewusstsein war gleichzusetzen mit mangelndem Durchsetzungsvermögen, mangelnden Erfolgsaussichten, die Leute nehmen einen nicht Ernst. Immer, wenn ich mal wieder in der 2. Reihe stand, wurde mir gepredigt, ich müsse mehr Selbstbewusstsein bekommen. Sicher, kann man ja auch in jedem gut sortierten Warenhaus bekommen… Ehrlich, als ob das so einfach wäre. Selbstbewusstsein ist nun einmal nichts, was man sich so willentlich aneignet.

In der Pubertät hatte ich dann allen Grund, wenig Selbstbewusstsein zu haben: ich hatte mehr Pickel im Gesicht als Platz vorhanden war. Dies trug nicht unbedingt dazu bei, mein Selbstbewusstsein zu stärken. Und wieder wurde ich freundlich darauf hingewiesen, ich müsse mehr Selbstbewusstsein haben. Ich würde ja niemals einen Freund finden, wenn ich so still wäre und mit den Pickeln. Und auf der Arbeit würde mein Selbstbewusstsein dann auch zum Problem werden. Ich müsse unbedingt mehr aus mir herauskommen.  Mal den Mund aufmachen und meine Meinung sagen. Mich durchsetzen eben.

Was soll ich sagen: Ich habe dann doch einen Freund abbekommen und auch einen guten Job gefunden. Dort hatte ich auch keinerlei Probleme trotz oder wegen meines stillen Auftretens kann ich natürlich nicht beurteilen. Ich hatte gelernt, mit meinem Makel des mangelnden Selbstbewusstseins zu leben. Bis ich mich vor einigen Jahren zufällig  mit einem Psychologen unterhielt, den ich vom Sport kenne. Ich schilderte ihm mein Problem mit dem mangelnden Selbstbewusstsein und fragte ihn, wie ich daran arbeiten könne. Er war völlig verwundert und meinte, mein Selbstbewusstsein sei völlig in Ordnung. Ich schilderte ihm meine Probleme und er erklärte mir, dass mein Selbstbewusstsein ausgezeichnet sei. Selbstbewusstsein bedeutet, sich seiner selbst bewusst zu sein. Und er fragte mich, was ich gut könne. Ich zählte einige Dinge auf. Er nickte. Dann bat er mich, Dinge zu benennen, die ich meiner Meinung nach nicht gut könne. Ich zählte einige Dinge auf und er nickte wieder. Er fragte, was ich gerne tue. Ich zählte meine Lieblingsbeschäftigungen auf: Lesen, Spazieren, Joggen, Schlafen. Und was ich nicht so gerne mag: Lärm, Gedränge, Reizüberflutungen.

Er nickte wieder. „Siehst du, du bist dir deiner selbst bewusst. Du bist ein introvertierter Mensch und hast es gerne ruhig und einfach. Krach magst du nicht, also gehst du nirgendwo hin, wo es laut ist. Du gehst nicht gerne in eine Disko, weil es dir da zu laut ist. Das entspricht nicht deinen Vorlieben. Also gehst du da nicht hin. Auch wenn deine Freunde dich ein bisschen Aufziehen und meinen, du bist ein Stubenhocker. Du bist gerne draußen in der Natur. Also machst du es. Du nennst als eine Schwäche deinen Wunsch nach Harmonie. Also bemühst du dich, Streit zu vermeiden. Du nennst als eine Stärke deine Kreativität. Und bist Grafiker geworden. Du bist dir deiner selbst bewusst.

Glaubst du allen Ernstes, die Menschen, die laut auftreten und sich mit jedem in die  Haare kriegen strotzen nur so vor Selbstbewusstsein? Nein, sie mögen es aber anscheinend, sich mit anderen in die Haare zu kriegen und mögen den Konflikt. Weißt du, wie viele Leute in Diskotheken gehen oder auf große Feste, obwohl sie es eigentlich hassen? Aber sie fürchten, nicht dazu zu gehören, wenn sie nicht mitgehen. Also verstellen sie sich und machen etwas, was sie eigentlich nicht wollen. Sie sind sich ihrer Bedürfnisse nicht bewusst oder ignoriert seine Bedürfnisse.

Wer hat dann wohl mehr Selbstbewusstsein? Du oder jemand, der seine Interessen hintenanstellt, damit er vor den anderen im rechten Licht da steht? Du verwechselst Extrovertiertheit mit Selbstbewusstsein. Das machen viele Menschen. Aber nur, weil du nicht laut redend und auffallend durchs Leben polterst, heißt dies nicht, dass du nicht selbstbewusst bist.“

Ich war erstmal baff. Aber ich war doch gar nicht selbstbewusst. Das konnte doch nicht sein. Alle predigten doch schon seit dem Kindergarten, dass ich nicht selbstbewusst war!

„Aber wenn ich mich mit anderen vergleiche, bin ich nicht selbstbewusst! Z. B. habe ich letzte Woche meine Prüfung in einem Fortbildungslehrgang abgelegt. Ich war so nervös und hatte solche Angst nicht zu bestehen. Und andere sind dort total cool angetreten und waren nicht ein bisschen nervös.“

Mein Freund lachte. „Ja, aber haben diese Leute auch die Prüfung bestanden? Es ist normal, ein bisschen nervös zu sein, wenn dir etwas wichtig ist. Das ist durchaus zulässig. Es gibt immer Menschen, die absolut sicher und cool wirken, aber dann durch die Prüfung rasseln. Das hat dann aber mit Selbstbewusstsein nichts zu tun. Das ist eine Selbstüberschätzung. Wenn du Angst hast, durch die Matheklausur zu rasseln, weil du Mathe nicht verstehst und auch die letzte Arbeit schon nicht bestanden hast, hast du kein mangelndes Selbstbewusstsein, sondern bist dir darüber im Klaren, dass deine Mathefähigkeiten nicht die Besten sind. Das  ist eine realistische Selbsteinschätzung, weiter nichts.“

Ich habe oft über dieses Gespräch nachgedacht. Zuerst habe ich die Argumente weit von mir geschoben. Dann habe ich mir das Gespräch wieder und wieder durch den Kopf gehen lassen. Und bin letztlich zu der Einsicht gekommen, da womöglich ein wahrer Kern dran sein könnte. Und vor ein paar Wochen habe ich ein Erlebnis gehabt, dass mich dazu bewogen hat, diese Theorie tatsächlich zu glauben. Wir hatten eine Studentin für die Semesterferien als Praktikantin. Man kann ihr Auftreten nur als selbstbewusst bezeichnen. Sie hatte zu allem eine Meinung und musste diese auch immer laut kundtun. Sie geriet mit 3 Mitarbeitern in einen heftigen Streit. Sie kritisierte alles und jeden. Zu jedem Problem hatte sie (vermeintliche) Lösungen parat. Alles in allem konnte man sie getrost als vorlaut und altklug beschreiben. Sie vermittelte uns allen ein Bild der lebenslustigen, renitenten, unerschrockenen und erfolgreichen Studentin. Bis sie dann eines Tages nicht mehr kam. Grund: Depressionen und Angstattacken. Sie erklärte, sie habe ihr Studium aufgegeben, sie fühle sich überfordert und habe Angst. Sie sei dem Studium nicht gewachsen und glaube nicht daran, dass sie das Studium schaffe. Zusätzlich habe sie regelmäßig Panikattacken und leide bereits seit Jahren an Depressionen. Wir waren baff. Alle, vom Abteilungsleiter bis zur Auszubildenden, konnten es nicht glauben. Es passte so gar nicht ihrem Auftreten und zu dem Bild, dass sie  uns vermittelt hatte. Aber an dieser Geschichte habe ich erkannt, dass die Fassade nicht immer das wahre Ich eines Menschen wiederspiegelt. Und Menschen, die laut und schrill sind, können genauso von Selbstzweifeln und Unsicherheit zerrissen sein wie stille Menschen, nur dass sie ihre Unsicherheit hinter einer Fassade von Coolness und Überlegenheit versuchen zu verstecken.

Im Nachhinein hätten wir vielleicht merken sollen, dass ihre betont ruppige Art und ihre leicht aggressive Art der Fragestellung eigentlich dazu dienen sollte, zu verschleiern, dass sie mit der Situationen und ihren Aufgaben überfordert war. Dass sie nur die Hälfte von dem, was man ihr erklärte, wirklich verstand. Dass sie eigentlich hilflos und verwirrt war und sich ihrer Sache überhaupt nicht sicher war. Aber ich habe mich täuschen lassen.

Seither sehe ich genauer hin, wenn ich mit Menschen zu tun habe. Ich versuche seither immer, hinter die Fassade zu blicken. Und ich habe verstanden, dass laute Menschen ebenso unter mangelndem Selbstbewusstsein leiden können und dass ruhige Menschen einfach sanft und umgänglich sein können, ohne Probleme mit ihrem Selbstbewusstsein zu haben.

3 Kommentare »

3 Responses to “Selbstbewusstsein – Erfahrungsbericht”

  1. Tobion 05 Mai 2010 at 10:28 1

    Danke für diesen Bericht! HAt mir ein stückweit die Augen geöffnet! ..

  2. U.Scharfenbergon 14 Jun 2010 at 17:38 2

    Ja da ist was wahres dran.Ich glaube jetzt das mein Sachbearbeiter beim Arbeitsamt mit der Situation für mich und mit mir die richtigen Angebote,Weiterbildungen usw. zufinden überfordert ist.Und mich deshalb vabal angreift.

  3. NoNameon 28 Nov 2010 at 22:20 3

    Super Bericht, vielen Dank für die Veröffentlichung…

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